Laudatio auf OFF

OFF - Vorderhaus 2014 670px

Von links nach rechts: 
Prof. Reiner Marquard, die Vorstandsfrauen von OFF - Renate Lepach, Andrea Zipfel, Renate Ott, Elisabeth Armbruster, Beya Stickel von Solidarenergie, Jess Jochimsen, Kabarettist

Preis SolidarEnergie 2014

Laudatio für OFF (Obdach für Frauen)

Fabrik, 21. Mai 2014

Laudator: Prof. Dr. Reiner Marquard, Rektor der Evangelischen Hochschule Freiburg,

Vorsitzender des Vereins SolidarEnergie e.V.

 

„In Nöten sieht man den Mann" – lautet das Sprichwort. Ich sehe vier Frauen vor mir: Elisabeth Armbruster, Renate Lepach, Renate Ott und Andrea Zipfel, die Vorstandsfrauen von OFF. In Nöten sieht man die Frauen. Dafür zeichnet SolidarEnergie heute den Verein OFF aus. OFF hilft Frauen in Not in akuten Notlagen der Überschuldung, bei der Suche nach Wohnraum mit allen damit verbundenen Nachfolgeproblemen, bei der beruflichen Aus- und Weiterbildung. OFF vertritt die Interesse von Frauen in Not und fördert dementsprechend Projekte. Der gemeinnützige Verein wurde 1998 gegründet und setzt sich zusammen aus engagierten Bügerinnen, die ehrenamtlich im Verein mitarbeiten.

Was ist ein Obdach? Es ist das schützende Dach, dass sich über jemandem oder über etwas ausbreitet, der Raum darunter wird durch das Ob(er)- oder Überdach zu einem erträglichen Aufenthaltsort, zu einer - im wahrsten Sinne des Wortes - Unterkunft und bietet Schutz und Schirm. Wem sich ein Obdach bietet, der ist in diesem Moment einer bestimmten Not enthoben. Not ist ein drängender, beengender Zustand eines bedrängten, beengten und gehemmten Menschen. Das Wort ‚Enge' steht etymologisch mit dem Wort ‚Angst' in Beziehung. Enge, Gedränge und Angst – das hat miteinander zu tun. Damit aber deutet sich ein scheinbares Paradox an. Es kann geschehen – und es geschieht -, dass sich in bewohntem Raum unter einem gewohnten Dach eine Enge einstellen kann, die es Menschen schier unmöglich macht, zur Entfaltung zu kommen. Sie sind bedrängt und insofern in Not. Unter einem Obdach erfahren sie sich als obdachlos.

Bei Hiob heißt es: Wen die Not angeht – so höret alle Freundschaft auf. Obdachlosigkeit in ist erheblicher Weise weiblich: 30 % sagt die Statistik - und die Tendenz ist steigend. In Nöten sieht man den Mann... ? In Nöten braucht es den Perspektivwechsel. Gewalt und Scham gehen eine unwürdige Verbindung ein. Frauen verbergen sich aus Scham. Scham ist ein emotionales Konfliktgefühl. Wenn jemand zu einem anderen eine Grenze eigenmächtig überschreitet, empfindet sich der andere entmächtigt. In der Scham zeigt der Mensch an, dass er verletzt ist. Er kann sich anders nicht wehren. Die Scham ist das letzte was einem bleibt. Nackt und bloß ist man dem anderen ausgeliefert. So sehr gilt, dass Not beten lehrt, so sehr gilt auch, dass es Nöte gibt, welche nicht beten lehren. Es braucht Fürsprecher. Es braucht Fürsprecherinnen! Es braucht – um es ein bisschen pathetisch zu sagen – Schwestern in der Not. Es braucht Menschen, die den Bedrängten die Scham nehmen, entehrt und geradezu rechtlos zu sein. Frauen helfen Frauen. In der Boutique LeSac setzt frau der Hässlichkeit entehrender Schamverletzung die Schönheit einer das Unglück und die Erniedrigung überkleidenden Wahrnehmung entgegen.

Ohne imperiale Gebärde, ohne allen Paternalismus, ohne gönnerhafte Attitüde.In seiner Novelle „Kleider machen Leute" stellt Gottfried Keller die scheinbar geordnete Welt der Ordentlichen auf den Kopf, indem der Schneider Wenzel Strapinski ohne sein wirkliches Zutun in ihrer Welt Einzug hält und Einblick erhält in deren wahre Charaktereigenschaften. „Wenn ein Fürst Land und Leute nimmt, wenn ein Priester die Lehre seiner Kirche ohne Überzeugung verkündigt, aber die Güter seiner Pfründe mit Würde verzehrt; wenn ein dünkelvoller Lehrer die Ehren und Vorteile eines hohen Lehramtes inne hat und genießt, ohne von der Höhe seiner Wissenschaft den mindesten Begriff zu haben und derselben auch nur den kleinsten Vorschub zu leisten; wenn ein Künstler ohne Tugend, mit leichtfertigem Ton und leerer Gaukelei sich in Mode bringt und Brot und Ruhm der wahren Arbeit vorwegstiehlt; oder wenn ein Schwindler, der einen großen Kaufmannsnamen geerbt oder erschlichen hat, durch seine Torheiten und Gewissenlosigkeiten Tausende um ihre Ersparnisse und Notpfennige bringt, so weinen alle diese nicht über sich, sondern erfreuen sich ihres Wohlseins und bleiben nicht einen Abend ohne aufheiternde Gesellschaft und gute Freunde" (Die Leute von Seldwyla, Zweiter Band, Stuttgart/Berlin 1906, 46f). Kleider machen Leute. Im einen Fall bedecken sie die Unfähigkeit, jemand zu sein, sondern nur etwas zu haben. In unserem Fall gibt Kleidung etwas an Würde zurück und wirft einen wärmenden Lichtstrahl auf das verlorene Glück. Es mag und wird so sein, dass OFF auf diese Weise Menschen zurückverholfen hat in ein selbstverantwortetes Leben.

Ich erinnere uns daran, dass wir vor einem Jahr den SolidarEnergie Preis an Willi Sutter vergeben haben, den Sie für Ihren Verein dann ebenso ausgezeichnet haben. Es geht ja um Hilfe zur Selbsthilfe. Die bedrängte Frau soll ja durch ihre eigene Lebenskraft wieder in die ihr gemäße Gewohnheit zurückgelangen. Wir erahnen, welche Hilfe hier ein Obdach haben kann und hat. Wie vielen entzieht sich diese Chance, sich selbst erneuert zu verstehen, weil sie aufgrund ihrer äußeren Lebensbedingungen nicht zu Ruhe und so nicht zu sich kommen?! OFF setzt mit seinen Projekten dort an, wo der erste Schritt getan werden muss: im Zutrauen, im Vertrauen und im Aufbauen.

Elisabeth Armbruster als Stellvertretende Vorsitzende, Renate Lepach als Vorsitzende, Renate Ott als Schatzmeisterin und Andrea Zipfel als Schriftführerin sind die Vorstandsfrauen von „Obdach für Frauen" (OFF). Der Vorstand von SolidarEnergie zeichnet Sie, Ihren Verein und Ihre Arbeit mit dem SolidarEnergie-Preis 2014 aus!